
16. Oktober, Tag 12
4 Uhr morgens. Es klirrt und klappert in unserem Autodorf zu Füßen der neuen Skisprungschanze in Garmisch-Partenkirchen. Gaskocher zischen, Wasser köchelt, Essgeschirr scheppert. Es riecht nach Kaffee und Suppe. Rucksäcke werden gepackt, Eispickel verstaut. Das Bergteam bereitet sich auf den nächsten Gipfel vor. Heute soll die Zugspitze bestiegen werden. 2962 Meter über dem Meer, Deutschlands höchster Berg.
Eine Stunde später brechen sie auf: Joachim, Alexa, Regina, Dominik, Werner. Dazu drei Freunde des Teams, die in aller Frühe angereist sind. Achim aus Berlin, selbst HIV positiv und bereits beim B42-Marathon in Berlin am Start. Dazu Gerd aus Starnberg und Thomas aus Saarbrücken.
Diese Truppe steigt in absoluter Dunkelheit durch die bedrückende Enge der Partnachklamm, wo feiner Nieselregen das rutschige Terrain noch glitschiger werden lässt. Als sie an Höhe gewinnen, hört es auf zu regnen. Es bleibt aber diesig, Nebelschwaden ziehen über die Bergflanken. Der Klettersteig kurz vor dem Gipfelgrat blinkt vereist. Doch dann ist es geschafft: Um 13 Uhr, nach achtstündigem Steigen, ist der Gipfel erreicht. Hier warten bereits Filmemacher Oliver und Rainer, als Fotograf dreier „aids awareness expeditions“ ebenfalls ein alter Bekannter, die mit der Seilbahn herauf gekommen sind. Bei leichtem Schneefall wird das Banner entrollt: Die Dunkelziffer an HIV-Infizierten und Aidskranken in Deutschland wird auf 81.000 geschätzt.
Um 13 Uhr 30 ist das Team wieder unten im Tal. Der Rückweg wird per Seilbahn absolviert, denn es wartet ein wichtiger Termin im Rathaus. Bürgermeister Thomas Schmid empfängt uns im Großen Sitzungssaal. Und schon bei der Begrüßung zeigt sich, dass dieser Mann weiß, wovon er spricht, wenn er die Bedeutung unserer Arbeit würdigt: Als Botschaftsangehöriger hat er unter anderem mehrere Jahre auf Madagaskar verbracht. Dort engen Kontakt zu Entwicklungshelfern und Ärzten gepflegt. Das Problem Aids aus nächster Nähe erlebt. Beobachtet, wie Nonnen Kondome an Jugendliche verteilten – „den Pabst hatten sie aber trotzdem lieb.“
Im Laufe des anschließenden Gesprächs, zu dem der Bürgermeister „ein isotonisches Getränk“ kredenzen lässt, das man im Volksmund wohl auch als „Hefeweizen“ kennt, bieten sich plötzlich ganz neue Perspektiven: Garmisch-Partenkirchen will sich für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 bewerben – wäre es da nicht eine gute Idee, hier die „aids awareness expeditions“ mit einzubinden? Wo doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) selbst gemeinsam mit UNAIDS die Sportwelt zu mehr Engagement im Kampf gegen HIV/Aids aufgerufen hat! Er fordert Joachim auf sich zu melden: „Wenn Sie wohlbehalten zurück sind von diesem großartigen Unternehmen, dann trinken wir mal ein, zwei Weißbier zusammen und bereden das!“
Also ehrlich: Heute Abend haben wir uns ein deftiges bayerisches Essen in der Stammtisch-Kneipe am Skistadion verdient. Und ein Bier vielleicht. Oder zwei.
© Joachim Franz - Impressum
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